Stars wie Ski Aggu und Zartmann feiern den Hedonismus als gäbe es kein Morgen mehr. Verdrängt die Gen Z Klimakatastrophe und Krieg? Nein – es ist ihre Antwort darauf.
Die Musikerinnen und Musiker, die in diesem Sommer die Mainstages vieler Festivals dominiert und zahlreiche Moshpits angeheizt haben, singen mit Vorliebe über sexuelle Eskapaden und Partynächte, bei denen Drogen genommen und das Morgen vergessen wird.
Da ist natürlich Ikkimel, mit ihrem größten Hit „Keta und Krawall“. In dem Feature „Deutschland“ gemeinsam mit Ski Aggu rappen die beiden: „Deutschland säuft krank / niemand hier ist trocken / Hol-hol den Sekt raus, Papi, und dann lass uns poppen“. Derweil singt der Newcomer Zartmann in seinem Song „eehhhyyy“ in jugendlichem Leichtsinn: „Wenn das der letzte Sommer war, fuck it, ich hab gelebt.“
Wenn Zartmann auftritt, dann ist der Himmel blau und die Welt zum Umarmen – so viel Zeit für ein bisschen Hedonismus muss sein
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Austern und Ryanair statt Dinkel und Flugscham
Swipte man sich in diesem Sommer durch Instagram, dann waren dort zahlreiche Konzertclips zu sehen, Prä-Party-Fotos und Raucher-Selfies vor Spätis. Andere kokettieren mit billigen Urlaubsreisen und lichteten Ryanair-Maschinen ab – Flugscham ade. Und dann zeigt die Generation Z gerade besonders gerne auf Eis drapierte Austern, die sie als Delikatesse schlürfen, um sich „mal was zu gönnen“.
Es liegt etwas in der Luft, das die Lust am Exzess, Austern und Billigflüge verbindet. Zartmann bringt es in dem Lied „wunderschön“ gleich selbst auf den Punkt, wenn er singt: „Komm schon, bet für mich / bin ein verdammter Hedonist.“
Yacht-Geschwader: Nicht nur deutsche Rapper wie Ski Aggu zelebrieren das Highlife – auch TV-Serien wie „The White Loutus“ (oben) und „And Just Like That“
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Hedonismus – das Prinzip, Lust, Spaß und Selbsterfüllung ins Zentrum des eigenen Lebens zu stellen – wird schon seit der Antike philosophisch diskutiert. Doch derzeit scheint das Genussstreben zur dominierenden Haltung geworden zu sein. Die Hedonismus-Konjunktur zeigt sich in der Popkultur in vielen Spielarten: Neben der offensiven Zurschaustellung von Sexualität und der Idealisierung vom Rausch, wächst die Faszination für die Oberschicht, die sich alles kaufen kann, was sie will. Streamingdienste bieten derzeit zahlreiche Serien an, in denen wir absurde Dekadenz bingewatchen können: vom Luxusessort-Setting in der TV-Serie „White Lotus“ oder den in Immobilien und Markenkleidung zur Schau gestellten Reichtum in „And just like that“. Auch real wächst die Nachfrage nach Designerteilen, Edelmarken verzeichnen steigende Umsätze und fungieren wieder verstärkt als Statussymbol.
Hedonismus 2025: Vollrausch for Future!
„Wir beobachten als soziokulturelle Strömung, dass die Gruppe an Menschen, die zu Hedonisten oder Konsumhedonisten gehören, derzeit wächst„, bestätigt Silke Borgstedt, Gesellschaftsforscherin am Sinus-Institut. Dabei trägt jeder Mensch hedonistische Anteile in sich, sie sind nur unterschiedlich stark ausgeprägt. Doch warum erlebt Hedonismus gerade jetzt so einen Aufschwung? Silke Borgstedt verweist auf nihilistische Tendenzen und den Verlust des Glaubens an eine gute Zukunft. „Gerade junge Menschen haben das Gefühl, dass sie nicht mehr für eine Zeit in zehn Jahren planen können.“ Angesichts multipler Krisen sei es naheliegend, sich auf das Heute zu konzentrieren: lieber jetzt alles auskosten, als es sich für ein düster erscheinendes Irgendwann aufzusparen.
Auch Kilian Hempel, Trendforscher und Mitautor der Studie „Jugend in Deutschland“, deutet die Strömungen als Reaktion auf Krisen. Besonders die Corona-Pandemie habe hier Spuren hinterlassen: „Viele haben damals verpasst, was zur Jugend dazugehört: feiern, auf Konzerte gehen, reisen.„ Doch kaum war das wieder möglich, folgten der russische Angriffskrieg, die Energiekrise und Inflation. „Das hat dazu geführt, dass junge Menschen sich erneut eingeschränkt fühlten – diesmal nicht durch Lockdowns, sondern durch finanzielle Sorgen“, so Kilian Hempel. Derzeit sei es eher so, dass junge Menschen aus Sorge vor der nächsten Preissteigerung und in Anbetracht weiterer Kriege und Krisen lieber jetzt tun, was irgendwie geht.
Dabei war die Welt auch vor der Pandemie nicht heil. Die gleiche Generation, die heute Flughafen-Reels oder ihre Skincare-Routine über den Wolken postet, war es, die mit „Fridays for Future“ für mehr Umweltschutz auf die Straße gegangen und die größte Klimaprotestbewegung der Geschichte losgetreten hat. Ist das alles vergangen und vergessen?
Wer feiert, der macht noch was aus seinem Leben
Sowohl Hampel als auch Borgstedt sagen, dass die Sorgen um das Klima für junge Menschen per se nicht geringer werden – sich aber weniger in persönlichem Verzicht ausdrücken. „Entscheidungen gegen das Fliegen und damit verbundene Flugscham geraten in den Hintergrund, weil der Drang nach Erlebnissen steigt“, sagt Hampel. Zudem wachse das Gefühl, dass individuelles Handeln ohnehin nichts bewirken könne. Politische Enttäuschung führte zum Rückzug: „Wir hören von jungen Menschen immer wieder, dass sie keinen Einfluss mehr sehen, die Krisen der Welt mit ihrem Verhalten verändern zu können„, führt Borgstedt aus.
Wenn das Gefühl steigt, selbst keinen Unterschied in der Welt zu machen, dann ist die Hinwendung zu Spaß, Loslassen und Ablenkung eine nahliegende Konsequenz. Doch bedeutet das zwangsläufig auch Selbstbezogenheit und Wegsehen? Ski Aggu etwa nennt sich in seinem gleichnamigen Song selbst „Egoist„: „Legte mich ganz nah neben dich / Und ich war der Mensch, der mir am nächsten ist.“ Tatsächlich beobachtet Hempel eine stärkere Selbstfokussierung: „Krisen wie Covid haben dazu geführt, dass man sich erstmal selbst in den sicheren Hafen bringen musste.„ Das zeigt sich in Entscheidungen für Flüge und der Suche nach persönlichem Spaß seine Nachwirkungen.
Lebenslust und Engagement sind kein Widerspruch
Doch Hedonismus ist nicht nur Rückzug aus der politischen Welt und von Verantwortung, sondern vor allem der Drang danach, mal nur im Moment zu sein. Hempel nennt es einen „kalkulierten Ausbruch„. Eskapistisch zu feiern, für den Genuss des Moments unvernünftig zu handeln, sich abzuschießen, sind weitverbreitete Taktiken gegen das Grundrauschen der Sorgen und Krisen. Doch diese angestrebten Kontrollverluste finden meist nur in einem abgesteckten Rahmen statt, in Fotos dokumentiert, am Wochenende, für die, die es sich leisten können.
Sängerin Ikkimel sieht nicht nur die Gen Z im Partytaumel. Mit Ski Aggu rappte sie: „Deutschland säuft krank / niemand hier ist trocken …“
© Markus Koeller
Die digitale und popkulturelle Überspitzung von hedonistischem Handeln spielt dabei eine entscheidende Rolle. Austern zu essen, lässt sich instagrammable verpacken, genauso wie Designertaschen zu tragen, am Strand zu liegen oder sich mit Partytops zurechtzumachen. Überhaupt sind Plattformen wie Instagram und Tiktok, die Selbstinszenierung zum Geschäftsmodell machen, ideale Bühnen für hedonistische Darstellungen, die Spaß und Leichtigkeit suggerieren. Popmusik spiegelt diese Ausbrüche und Fluchten ebenfalls besonders. Doch dabei geht es um Fantasien und Kunstprodukte. Ikkimel etwa inszeniert öffentlich Spaß ohne Moral, das wirkt schräg, lustig und ist ganz aufs Jetzt bezogen. „Gleichzeitig zeigt sie in Interviews, dass dahinter eine Auseinandersetzung mit unserer Gesellschaft und der Rolle von Frauen darin liegt“, sagt Borgstedt. In Songs und Selbstinszenierung geht es ganz bewusst darum, einen Lifestyle zu überzeichnen, statt die Realität 1:1 zu spiegeln. Eine politische oder aktivistische Agenda kann auch neben der Rolle als Partytier bestehen.
Ski Aggus Party-Hymnen sind nicht so oberflächlich, wie es scheint
Silke Borgstedt spricht in diesem Zusammenhang von einer einer „Trendsymbiose„: Während das Bedürfnis nach eskapistischer Freizeitgestaltung wächst, bleiben Werte wie Nachhaltigkeit, gesunde Ernährung oder Achtsamkeit im Alltag präsent. Was paradox klingt – sich am Wochenende bewusst betrinken und trotzdem Wert auf Gänge ins Fitnessstudio und Proteinpulver legen – ist für viele kein Widerspruch. Zugleich ist es typisch für die Lebensphase der Adoleszenz, ausprobieren, übertreiben und ausbrechen zu wollen. Doch weil das durch die Pandemie für viele kaum möglich war, ist die Gruppe derer, die das gerade tun wollen, größer geworden. Durch die sozialen Medien zeigen sie es besonders laut, nah und schillernd.
Trotzdem: Die hedonistischen Tendenzen spiegeln die Überforderung junger Menschen, die versuchen, ihre Sorgen zu übertönen und die Zukunft, die sich für sie noch nie so unsicher wie gerade angefühlt hat, zu vergessen. Der Wunsch danach, sich bis zur Gefühllosigkeit und zum Vergessen zu betäuben, ist dabei eher traurig als ein Zeichen von Freiheit. Und die Glorifizierung von Unvernunft auch mal fragwürdig bis gefährlich – etwa, wenn Ski Aggu in dem Song „Palermo“ rappt: „Fuck, ich hab kein Gummi dabei / Und sie sagt: Baby, gеh einfach Risiko.“