Meinung: Das N-Wort in der ARD: Geht’s noch, Herr Hallervorden?

Die Geburtstagsshow der ARD versprach, denkwürdig zu werden. Dass es tatsächlich so kam, lag dann aber vor allem an der Darbietung eines bestimmten Gastes.

Die ARD wird 75 Jahre alt, und wie es sich für einen solchen Geburtstag gehört, feiert der öffentlich-rechtliche Sender dies mit einer großen Gala-Show. Eingeladen sind große Namen wie Iris Berben, Barbara Schöneberger, Günther Jauch, Paola Felix, Jürgen von der Lippe und Dieter Hallervorden.

Zuschauerinnen und Zuschauer erwarteten, was die ARD vermutlich auch geplant hatte: einen Abend voller Erinnerungen, voller Fernseh-Highlights und Anekdoten aus mehr als sieben Jahrzehnten Rundfunkgeschichte. Doch die gefühlige Gala hinterließ in Teilen einen unverhofft bitteren Nachgeschmack.

Für den ersten Stirnrunzler sorgte Showmaster Jürgen von der Lippe („Geld oder Liebe“), der beklagte, dass die Tagesschau-Ansager an ihre allabendliche Begrüßung nicht mehr das traditionelle „meine Damen und Herren“ anhängen dürften. Als hätte es ihnen jemand verboten, und sich nicht die Nachrichtenredaktion selbst dazu entschieden, bei der Begrüßung niemanden mehr ausschließen zu wollen.

Später merkte Barbara Schöneberger zu einem Ausschnitt aus der genialen Sketch-Show „Sketchup“ an, dass man heute vermutlich nicht mehr über so etwas lachen dürfe. Warum, erklärt sie nicht.

Dieter Hallervorden nutzt Sketch für Botschaft

Für noch mehr Fragezeichen sorgte dann die 89-jährige Comedy- und Schauspiellegende Dieter Hallervorden („Didi – der Doppelgänger“, „Honig im Kopf“). Der wollte zusammen mit seinem langjährigen Kollegen Harald Effenberg noch einmal seinen legendären „Palim Palim“-Sketch aufführen – den mit der „Flasche Pommes Frites“. Doch Hallervorden verlegte den Gag in der Neuauflage in eine Gefängniszelle.

Zu Anfang fragte Effenberg ihn, warum er einsitze. Hallervorden antwortete, er habe die falschen Worte für Schokokuss und Sauce ungarischer Art benutzt – allerdings formulierte er es nicht so, sondern nutzte sowohl das N- als auch Z-Wort unbefangen vor einem Millionenpublikum.

„Ich bin ja ein sehr politischer Mensch eigentlich“, hatte Hallervorden zuvor im Gespräch mit Moderator Kai Pflaume gesagt. Satire hätte ihm immer Spaß gemacht, weil er Gefallen daran gehabt hätte, Menschen „politischen Nachhilfeunterricht zu geben“. Wie diese Einstellung damit zusammenpasst, öffentlich Menschen mit anderer Hautfarbe oder Herkunft zu beleidigen, erschließt sich nicht zwingend. Und das implizierte Klischee, man dürfe sich ja nicht mehr frei äußern, wurde ja bereits durch die Tatsache, dass er seinen Sketch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen darbieten konnte, widerlegt.

Hallervordens Einlage blieb unkommentiert

Keiner der Anwesenden kommentierte Hallervordens Sketch, auch Kai Pflaume moderierte danach gewohnt charmant weiter. Man versteht es ein Stück weit: Hallervorden ist eine Legende, einer, der vielen mit seiner skurrilen Comedy in lieber Erinnerung ist und darüber hinaus auch als ernsthafter Schauspieler brillierte. Das allein verdient Respekt – dazu kommt das stolze Alter Hallervordens.

Aber gerade ein Mann mit Intellekt und Lebenserfahrung müsste den kleinen aber feinen Unterschied kennen zwischen dem Kampf für Meinungsfreiheit und Respektlosigkeit und Minderheiten-Bashing.