Regierungsmitglieder der USA feiern die Bombardierung der Huthi-Miliz im Chat, die Bildungselite erwägt, das Land zu verlassen. Wen muss es treffen, damit wir reagieren?
Endlich sind sie tot. Der erfolgreiche Angriff wird mit Emojis gefeiert. Eine gelbe Faust, eine USA-Flagge und ein loderndes Feuer.
Die Symbole stammen von Michael Waltz, dem Sicherheitsberater der US-amerikanischen Regierung. Zu finden sind sie in der Chatgruppe, in der Waltz, Vizepräsident JD Vance, Verteidigungsminister Pete Hegseth und andere über die Bombardierung der Huthi-Miliz im Jemen diskutieren. Michael Waltz, so scheint es, kann kaum abwarten, den anderen von dem erfolgreichen Militäreinsatz zu berichten. In diesem Zusammenhang tippt er die Faust, die Flagge und die Flamme in sein Telefon. Es fehlen nur noch Cowboy-Hut, Revolver und Sheriff-Stern, denke ich.
Die Weltlage ist kompliziert und Außenpolitik ein schmutziges Geschäft. Dass die Zerstörung terroristischer Rückzugsräume notwendig ist, um den Frieden zu wahren, gehört zur außenpolitischen Realität und mittlerweile auch zum gesellschaftlichen Konsens. Dass man in den USA allerdings dazu übergegangen ist, Bombardierungen in Chatgruppen zu vereinbaren und mit Emojis zu kommentieren, sollte jeden Menschen mit einem intakten Wertesystem verstören. Im Anschluss an die Aufdeckung der Chatgruppe wurde viel über den Verstoß gegen Sicherheitsrichtlinien für vertrauliche politische Kommunikation diskutiert. Über den fehlenden Anstand, mit der ranghohe Mitglieder der US-amerikanischen Regierung den Tod von Menschen beschließen, war hingegen wenig bis gar nichts zu lesen.
Vielleicht hat es damit zu tun, dass es nur eine Handvoll Araber waren.
Fast vier Millionen indirekte Kriegsopfer
Einer Berechnung des „Watson Institute for International and Public Affairs“ der Brown University zufolge sind nach dem 11. September 2001 im Rahmen von Militäroperationen, Kriegen, Angriffen und Gegenangriffen mindestens 408.000 Zivilisten getötet worden. Hauptsächlich in Afghanistan, Pakistan, Irak, Syrien und dem Jemen. Insgesamt gehen die Wissenschaftler von bis zu 3,8 Millionen Toten aus. Als indirekte Opfer von Krieg und Terror.
Vor diesem Hintergrund kann man sechs weitere Tote im Rahmen einer US-amerikanischen Bombardierung ehrlicherweise vernachlässigen. Zumal es sich bei ihnen um Terroristen gehandelt haben soll. So sagen es die US-amerikanischen Regierungssprecher, die dafür bekannt sind, in solchen Dingen niemals zu lügen.
In den sozialen Medien melden sich immer mehr Menschen, die angesichts der politischen Entwicklungen ihren Aufenthalt in den USA absagen. Geschäftsleute überlegen, wie sie in einem solchen Umfeld noch tätig sein sollen. In mehreren Ländern ist der Boykott US-amerikanischer Waren im Gespräch. Die Nachrichten über unschuldige Deutsche, Franzosen und Kanadierinnen, die von Grenzbeamten in den USA festgehalten, eingesperrt oder gar gefoltert werden, sind kaum zu ertragen. Einer Umfrage der Wissenschaftszeitschrift „Nature“ zufolge, überlegen 75 Prozent der Forscherinnen und Forscher, die USA zu verlassen. Der „Spiegel“ berichtet über Historiker und Faschismusforscher der Yale University, die nun nach Kanada auswandern wollen.
Selten haben Menschen so aufgebracht reagiert
Ich überlege angestrengt. Aber so sehr ich auch nachforsche, finde ich keine vergleichbare Reaktion, nachdem im Jahr 2002 die Verhältnisse im Gefangenenlager auf Guantanámo Bay öffentlich wurden. Das Militärlager, in dem Menschen ohne Anklage und ohne Gerichtsverfahren eingesperrt und gefoltert werden, hat niemanden dazu bewegt, seinen USA-Urlaub zu stornieren. Auch nicht als bekannt wurde, dass sich unter den Gefangenen Kinder und Jugendliche befinden.
Mir ist auch kein Unternehmen bekannt, das nach der Veröffentlichung der Verhältnisse im irakischen Abu-Ghuraib-Gefängnis im Jahr 2004 die Geschäftsbeziehungen zu den USA eingestellt hätte. In Abu-Ghuraib wurden Häftlinge vom US-amerikanischen Wachpersonal misshandelt, vergewaltigt und bis in den Tod gefoltert. Der Gefangene Manadel al-Jamadi stirbt 45 Minuten nach der Ankunft im Gefängnis. Er erstickt an seinen gebrochenen Rippen und an der Fesselung, die ihm CIA-Beamte zufügen. Es gibt zahlreiche Fotos, die das US-Personal angefertigt hat. Eines dieser Bilder zeigt, wie ein Gefangener von einem Hund angefallen wird. Ein anderes, wie ein Gefangener mit Stromstößen gefoltert wird. Weitere Abbildungen dokumentieren US-Soldaten, die Gefangene mit Kot beschmieren und eine Gefangene vergewaltigen.
Abgehängt und abgeschossen
Am 18. Dezember 2021 enthüllt die „New York Times“ 1300 vertrauliche Berichte des Pentagon über die Drohnenangriffe der USA auf Afghanistan, Pakistan, Somalia und den Jemen. Die Journalistinnen und Journalisten legen dar, wie die Verantwortlichen systematisch zivile Opfer in Kauf nehmen. Durch langsame Internetverbindungen, zu kurze Beobachtungsdauer und schlechte Bildqualität können die Militärs häufig nicht genau einschätzen, ob es sich bei den anvisierten Personen um Zivilisten oder um Terroristen handelt. Der Bericht lässt offen, ob es ihnen vielleicht auch einfach egal ist. Auf den ersten Schlag folgt häufig der zweite. Noch während Tote und Verletzte geborgen werden, erledigt die Drohne die herbeigeeilten Helfer und begräbt sie unter Schutt und Asche. Ganze Regionen erinnern im Anschluss an die Kraterlandschaft des Mondes. Wer sich darüber wundert, warum die Menschen am anderen Ende der Welt wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich nicht vorankommen, findet hier möglicherweise eine Antwort.
Nur die Wenigsten interessieren sich für diese geopolitischen Zusammenhänge. Die meisten, die heute über „die Afghanen“ schimpfen, haben wieder vergessen, dass es dieselben afghanischen Männer und Frauen waren, die jahrzehntelang im Dienst der Bundeswehr als Übersetzer, Fahrer und Informanten die Sicherheit der deutschen Soldatinnen und Soldaten gewährleistet haben. Jetzt aber, wo sich die Militärs aus Kabul, Kundus und Masar-e Scharif zurückgezogen haben, interessieren uns die Schutzversprechen einer vermeintlich feministischen Außenpolitik einen Dreck. Sollen sich doch die Taliban um die Leute kümmern. Es sind ja schließlich nur Araber.
Es mangelt uns an Empathie
Man könnte ewig weitermachen. Ich wünschte, ich könnte etwas Versöhnliches ans Ende setzen. Aber nach den Wahlergebnissen in Deutschland und den USA ist das Leben von arabischen Frauen und Männern gefährdeter denn je zuvor. Präsident Donald Trump hat bereits angekündigt, das Gefangenenlager auf Guantánamo Bay nicht nur weiter in Betrieb zu halten, sondern sogar zu erweitern.
Es sieht düster aus. Die einzige Hoffnung besteht nun darin, dass es nicht mehr nur Araber betrifft. Vielleicht helfen uns die Nachrichten über weiße Europäer und Nordamerikaner, die Empathie aufzubringen, die wir arabischen Frauen und Männern so lange versagt haben. Mit etwas Pech sind es demnächst auch Deutsche, Franzosen und Kanadier.